THE 7 SINS
Eine Initiation in Bernstein und Schatten
Draußen peitscht der kalte Februar-Regen gegen die Scheiben des The7Sins, als wollte er die Grenze zwischen der Außenwelt und diesem Refugium auslöschen. Sie tritt ein – eine Gestalt, die in ihrem nassen Mantel fast wie eine Erscheinung aus dem Nebel des Felsenmeeres wirkt. Sie ist keine gewöhnliche Besucherin; sie ist eine Suchende, auch wenn sie selbst noch glaubt, nur der Kälte entfliehen zu wollen.
Sie setzt sich. Es ist ein Akt der Kapitulation vor der Erschöpfung. Der Ohrensessel empfängt sie mit der mitleidigen Geste eines alten Möbels, das schon zu viele Lasten und zu viele zerbrochene Träume getragen hat. Die Polsterung gibt nach, umschließt ihre Gestalt wie eine weiche, lederne Falle, die sie langsam aus der Zeit hebt.
Zuerst ist da nur das Knarren der Bodendielen – eine semantische Warnung, die sie mit einem Frösteln wahrnimmt. Sie glaubt, es sei das Alter des Hauses. Sie ahnt nicht, dass dieses Knarren die Artikulation des Felsenmeeres tief unter ihren Füßen ist, ein diastolischer Seufzer jener versteinerten Unmöglichkeiten, die nach einem Medium suchen, um endlich wieder zu atmen.
Ich trete aus dem Halbschatten hinter dem Tresen hervor. Meine Schritte auf dem Holz folgen keinem menschlichen Rhythmus; es ist das unregelmäßige Ticken einer Uhr, deren Mechanismus in der Dunkelheit korrodiert. In meiner Hand halte ich ein Glas. Das schwere Kristall fängt das flackernde Kerzenlicht ein und bricht es in Bernstein- und Bluttöne.
Ich bleibe am Rande des Lichtscheins stehen, den ihr Smartphone auf die unverputzten Ziegelwände wirft – ein kleiner, steriler Leuchtturm in einer Brandung aus Schatten. Sie sieht zu mir auf, und in ihren Augen erkenne ich das schwindende Ufer der Vernunft. Sie klammert sich an die Armlehnen des Sessels, als wäre er das letzte Relikt einer Realität, die gerade im Eisenwald verloren geht.
„Sie wirken verloren, meine Dame“, sage ich, und meine Stimme trägt den Staub jahrhundertealter Lexika in sich. „Der Filter in Ihrem Kopf… er scheint heute Abend gefährlich durchlässig zu sein. Die Welt da draußen – die Pandemie, die Kälte, die banale Logik der Muggel – sie verliert hier drinnen an Konsistenz, nicht wahr?“
Ich stelle das Glas auf den kleinen Beistelltisch neben sie. Das Eis klirrt mit einem Geräusch, das an das Bersten von gefrorener Erde erinnert.
„Dies ist kein gewöhnlicher Whisky“, flüstere ich, während ich beobachte, wie das Kerzenlicht auf ihrer Haut diffuse Schatten wirft. „Betrachten Sie ihn als eine flüssige Form des Obolus. Ein Destillat aus all dem, was in meinem Filter hängen geblieben ist. Ein Extrakt aus der Sehnsucht nach Atlantis, der metallischen Kälte von Roswell und jener obsessiven Leidenschaft, die wir hier im Eisenwald kultivieren.“
Sie starrt in das Glas. Die Flüssigkeit scheint ein Eigenleben zu führen; kleine Wirbel aus dunkler Galle steigen in dem bernsteinfarbenen Strom auf, wie ferne Galaxien in einem sterbenden Universum.
„Trinken Sie“, fahre ich fort und beuge mich ein Stück vor, sodass mein Gesicht im flackernden Licht fast die Züge einer hölzernen Marionette annimmt. „Es wird Ihnen helfen, die Verwandlung zu akzeptieren. Wenn Sie erst einmal gekostet haben, wird das Knarren der Dielen für Sie kein Geräusch mehr sein, sondern eine Offenbarung. Sie werden verstehen, dass die Geister, die Dämonen und die Helden Ihrer Kindheit keine Geschichten sind, um die Zeit totzuschlagen. Sie sind die wahren Bewohner dieses Ortes. Wir sind nur die flüchtigen Statisten in ihrem ewigen Albtraum.“
Ich ziehe mich zurück, noch bevor sie antworten kann. Ich hinterlasse sie in der Gesellschaft ihrer eigenen aufsteigenden Obsessionen, während das Zeug aus meinem Filter leise schmatzend unter ihrem Sessel lauert.
Sie führt das Glas an die Lippen. Es ist der Moment, in dem die Grenze zwischen dem physischen Raum des The7Sinsund der unendlichen Weite meines „Filters“ endgültig kollabiert.
Die Transfiguration der Sinne
Sobald der erste Tropfen des schweren, brennenden Destillats ihre Zunge berührt, erstummt das Prasseln des Regens. Es wird nicht etwa leiser – es verwandelt sich in ein rhythmisches Trommeln auf einer Membran, die weit über dem Himmel von Hemer gespannt zu sein scheint.
Sie schließt die Augen, doch die Dunkelheit hinter ihren Lidern ist nicht leer.
Die unverputzten Ziegelwände des Raumes beginnen zu atmen. Die Fugen zwischen den Steinen weiten sich wie hungrige Münder, und aus ihnen quillt nicht etwa Staub, sondern ein feiner, silbrig-grauer Nebel, der nach Ozon und altem Pergament riecht. Die Ziegel selbst ordnen sich um; sie zeigen nun Reliefs, die es nicht geben dürfte: Szenen aus den versunkenen Gassen von Whitechapel, die Umrisse von Raumschiffen, die im Schlamm von Roswell begraben liegen, und die geometrisch unmöglichen Türme von Hogwarts, die jedoch aus dem schwarzen Schiefer des Eisenwaldesgeformt sind.
Als sie die Augen wieder öffnet, ist der Ohrensessel kein Möbelstück mehr. Das Leder fühlt sich nun an wie die Haut einer uralten Entität, die geduldig darauf gewartet hat, wieder besetzt zu werden. Das Knarren der Bodendielen hat sich in ein polyphones Flüstern verwandelt. Es sind tausend Stimmen gleichzeitig – Nerds, Gelehrte, Wahnsinnige –, die alle von ihren Obsessionen berichten.
Sie blickt auf die Regale. Die dort ausgestellten Reliquien führen einen bizarren Tanz auf:
Die Lichtschwerter vibrieren mit dem Summen entfernter Sonnen.
Das Schwarze Auge scheint sich in seiner Fassung zu drehen und fixiert sie mit einer Intelligenz, die älter ist als die Menschheit.
Die Schatten von Jack the Ripper lösen sich von der Wand und huschen als formlose Schwärze hinter den nächsten Pfeiler.
Sie möchte das Glas absetzen, doch ihre Hand zittert. Sie erkennt, dass sie nicht mehr im Iserlohn der Gegenwart weilt. Sie befindet sich im Zentrum eines Mahlstroms. Das The7Sins ist nun eine Kathedrale der verlorenen Mythen, und sie ist das erste Mal seit Jahren wirklich wach.
„Fühlen Sie es?“, flüstere ich aus der Dunkelheit, während ich beobachte, wie sich ihre Pupillen weiten, um das unnatürliche Licht der anderen Seite aufzusaugen. „Das ist kein Hobby mehr. Das ist die Realität, die unter dem Kalkstein des Felsenmeeres begraben lag. Sie sind jetzt ein Teil des Filters. Sie sind eine der Geschichten, die ich eines Tages erzählen werde.“
Ein plötzlicher Windstoß lässt die Kerzen erlöschen, doch der Raum bleibt nicht dunkel. Er leuchtet nun in dem kalten, phosphoreszierenden Licht jener Träume, die zu groß für die Welt der Muggel waren.
Sie starrt in die wabernde Leere des Raumes, und das Glas in ihrer Hand fühlt sich plötzlich schwer an wie Blei – oder wie ein Anker, der sie in dieser neuen, schrecklichen Realität festhält.
Das Erwachen der Symbole
Die Dunkelheit im The7Sins ist nun nicht mehr die Abwesenheit von Licht; sie ist eine Substanz, ein schwarzer Ozean, aus dem die Reliquien meiner Obsessionen wie Wrackteile emporsteigen.
Aus dem silbrigen Nebel, der zwischen den Ziegeln hervorquillt, schält sich eine Gestalt. Zuerst ist es nur ein flüchtiger Umriss, eine Verzerrung der Luft, wie Hitze über dem Asphalt des Eisenwaldes. Doch dann gewinnt sie an Kontur. Es ist keine Figur aus einem Buch, keine flache Illustration aus einem Comic. Es ist eine Präsenz, die sie seit ihrer Kindheit in den Winkeln ihres Zimmers vermutet hat – jener Schatten, den sie mit dem Licht der Vernunft immer wieder weggeleuchtet hatte.
Es ist eine Gestalt, die das Paradoxon ihres eigenen Filters verkörpert. Ein Wesen, das zugleich die Züge einer elfenhaften Anmut und die kalte, mechanische Präzision eines Androiden trägt – ein Hybrid aus Excalibur und Cyberpunk, eine makellose, aber seelenlose Schönheit. Das Wesen tritt auf die knarzenden Dielen, doch es verursacht kein Geräusch. Die Materie des The7Sins scheint vor seiner bloßen Existenz zurückzuweichen.
Die Frau im Ohrensessel möchte schreien, doch ihre Stimme ist im Bernstein des Whiskys gefangen. Sie erkennt, dass dieses Wesen keine Einbildung ist. Es ist die personifizierte Sehnsucht nach einer Welt, in der Magie existiert, aber es ist eine Magie, die keine Gnade kennt.
Ich trete wieder einen Schritt vor, das Gesicht halb im Schatten meines eigenen Wahnsinns verborgen.
„Siehst du sie?“, frage ich leise, und das Du entgleitet mir wie eine unbewusste Intimität zwischen zwei Verdammten. „Das ist die Quintessenz dessen, was wir ‚Nerdig‘ nennen. Es ist die unerträgliche Schönheit des Unmöglichen, die uns im Alltag so fremd vorkommt, dass wir sie in Spiele und Filme einsperren müssen. Aber hier… hier im Schatten des Felsenmeeres, brechen die Käfige auf.“
Das Wesen streckt eine Hand aus – eine Hand, die in den Fingerspitzen in feine, fraktale Kristalle ausläuft. Es berührt die Lehne ihres Sessels, und das Leder beginnt an dieser Stelle zu blühen, in bizarren, fleischigen Farben, die an die Flora von Pandora erinnern, aber den Geruch von Eisen und Blut verströmen.
„Du hast dich immer gefragt, warum du dich so fremd fühlst unter den Muggels“, fahre ich fort, während ich beobachte, wie Tränen der Erkenntnis ihre Wangen hinabwälzen. „Es ist, weil du bereits infiziert warst. Dein Filter war schon immer voll von diesem Zeug. Ich habe dir nur den Raum gegeben, es endlich zu sehen.
Willkommen zu Hause. Willkommen im Zentrum des Wahnsinns.“
Sie lässt das Glas fallen. Es zersplittert nicht. Die Scherben bleiben in der Luft hängen, fixiert in einem Moment angehaltener Zeit, während die Realität des The7Sins endgültig hinter den Vorhang des Eisenwaldes tritt.
Das Flüstern der tiefen Geometrie
Die kristallinen Finger der Erscheinung berühren nun sanft ihre Schläfe. In diesem Moment hört sie auf, mit den Ohren zu hören – die Worte manifestieren sich direkt in ihrem Bewusstsein, als wären sie dort schon immer als Narbengewebe vorhanden gewesen.
„Du glaubst, du bist an einen Ort gereist“, flüstert die Stimme des Wesens, die wie ein Chor aus tausend verstorbenen Geschichtenerzählern klingt. „Du glaubst, Iserlohn sei eine Stadt aus Stein und Hemer ein Ort aus Kalk. Doch das ist die Lüge der Oberfläche. Der Eisenwald ist kein Wald aus Bäumen. Er ist ein Antennenwald. Er empfängt die Signale jener Dimensionen, die ihr Muggels als ‚Fiktion‘ bezeichnet, um den Schmerz ihrer Abwesenheit zu lindern.“
Die Frau im Sessel starrt in die Augen des Wesens – zwei bodenlose Abgründe, in denen die Ruinen von Atlantis und die Trümmer des Todessterns wie ferne Galaxien treiben.
„Das Felsenmeer“, fährt die Stimme fort, „ist das Endlager. Es ist der Ort, an dem die Realität versagt hat. Jedes Mal, wenn ein Mensch eine Geschichte vergisst, wenn eine Leidenschaft stirbt oder eine Obsession als ‚Kinderei‘ abgetan wird, versteinert ein Stück jener Welt unter euren Füßen. Ihr lauft über die Leichen eurer Träume. Das Felsenmeer wächst mit jeder Sekunde, in der ihr versucht, ‚normal‘ zu sein.“
Ich stehe im Hintergrund, die Arme verschränkt, ein Professor, der zusieht, wie seine Schülerin die letzte, schreckliche Lektion lernt.
„Siehst du nun das Privileg des The7Sins?“, werfe ich ein, und meine Stimme vibriert in Harmonie mit der Erscheinung. „Wir sind hier nicht beim Kaffeetrinken. Wir sitzen auf einem brodelnden Kessel aus ungenutzter Existenz. Ich bin nicht nur ein Wirt. Ich bin der Druckausgleich.
Wenn ich nicht schreiben würde, wenn ich meinen Filter nicht hier im Ohrensessel ausleeren würde, dann würde der Eisenwald bersten und das Felsenmeer würde die ganze Welt mit seiner bleiernen Bedeutungslosigkeit überschwemmen.“
Das Wesen beugt sich tiefer zu ihr. „Das Geheimnis, das du wissen musst, ist dies:
Die Grenze ist längst gefallen. Du bist nicht in das The7Sins gekommen, um etwas zu erleben. Du bist gekommen, um zurückzukehren. Du bist selbst ein Fragment, das aus einem Filter entwischt ist. Erinnere dich… erinnere dich an die Welt, aus der du wirklich stammst, bevor man dich in dieses Fleisch und diese banalen Kleider zwang.“
Ein greller Blitz zuckt durch den Raum – nicht von draußen, sondern aus dem Inneren der Ziegelwände. Für einen Herzschlag lang sieht sie sich selbst:
Nicht als Frau im nassen Mantel, sondern als Kriegerin, als Hexe, als Pilotin eines Schiffes, das niemals gebaut wurde.
In diesem Moment der totalen ontologischen Entgleisung entscheidet sich ihr Schicksal. Sie blickt nicht weg. Das ist der entscheidende Fehler – oder ihr größter Triumph.
Die Integration des Wahnsinns
Sie atmet tief ein, und die Luft schmeckt nicht mehr nach Staub und Regen, sondern nach dem kalten Ozon einer Welt, die niemals einen Sonnenuntergang gesehen hat. Sie akzeptiert die Last. Die Tränen auf ihren Wangen gefrieren zu kleinen, prismatischen Kristallen, die zu Boden fallen und dort mit dem Klang von zerbrechendem Glas zerspringen.
„Ich erinnere mich“, flüstert sie, und ihre Stimme hat nun jenes unheimliche Echo, das auch die meine besitzt.
Sie greift nicht mehr nach ihrem Smartphone, diesem nutzlosen Artefakt der Muggel-Welt. Stattdessen legt sie ihre Hände flach auf die Armlehnen des Ohrensessels. Das Leder beginnt unter ihrer Berührung zu pulsieren. Sie spürt nun die tektonische Unruhe des Felsenmeeres als ihren eigenen Herzschlag. Der Eisenwald ist kein bedrohlicher Ort mehr für sie; er ist ihre Rüstung, ein Bollwerk aus archaischer Energie, das ihren Geist vor der endgültigen Auflösung schützt.
Ich trete ganz nah an sie heran. Ich nehme meine Brille ab – ein linguistisches Requisit, das ich nun nicht mehr benötige – und sehe sie direkt an.
„Willkommen auf der anderen Seite des Spiegels“, sage ich. „Sie haben das Geschäftliche hinter sich gelassen. Sie haben das Hobby hinter sich gelassen. Was nun vor Ihnen liegt, ist die reine, ungefilterte Obsession. Sie sind nun eine der Architektinnen des The7Sins.“
Die Erscheinung aus dem Filter beginnt sich aufzulösen, doch sie verschwindet nicht einfach. Sie sickert in die Poren der Frau ein. Ihre Augen leuchten nun in dem gleichen, unnatürlichen Violett, das man sonst nur in den tiefsten Spalten des Felsenmeeres vermutet. Sie ist nun die Brücke.
„Was ist meine Aufgabe?“, fragt sie, und das Knarren der Dielen antwortet ihr wie ein zustimmendes Murren eines alten Tieres.
„Ihre Aufgabe ist es, den Filter niemals leer werden zu lassen“, antworte ich und reiche ihr ein neues Glas. Diesmal ist die Flüssigkeit vollkommen klar, so rein wie das Vakuum zwischen den Sternen. „Wir müssen die Geschichten füttern, damit sie nicht hungrig werden und über die Grenzen von Iserlohn hinaus kriechen. Wir sind die Wächter des Wahnsinns, damit die Welt da draußen glauben kann, sie sei sicher.“
Sie nimmt das Glas.
Sie ist nicht wahnsinnig geworden – sie ist über den Wahnsinn hinausgewachsen in eine Klarheit, die für normale Menschen unerträglich wäre.
Sie blickt auf die unverputzten Ziegelwände und sieht nicht mehr nur Steine. Sie sieht die Bibliotheken von Atlantis, die Labore von Sherlock Holmes und die verbotenen Wälder von Excalibur.
Das The7Sins vibriert. Wir sind bereit.